Interview mit Gérard Sidoun

Der Gründer der AVA-Software SIDOUN Globe gibt die Geschäftsführung nach über 42 Jahren ab

Seit über 42 Jahren ist SIDOUN International Innovationsführer und Entwickler für AVA-Software mit Kostenmanagement und Baukalkulation. Gründer und Geschäftsführer Gérard Sidoun gibt seine Position nun an Karoline Diegelmann ab, bisher Head of Sales. Im Gespräch erinnert er sich, wie alles begann und erläutert, welchen Kurs SIDOUN jetzt einschlagen wird.

Gerard Sidoun und Karoline Diegelmann

Herr Sidoun, Sie möchten nach nunmehr 42 Jahren im Unternehmen SIDOUN International Ihre Position als Geschäftsführer und Gesellschafter abgeben. Welche Bedeutung verbinden Sie mit dem Unternehmen, das ja auch weiterhin Ihren Namen tragen wird? Würden Sie SIDOUN als Ihr Lebenswerk beschreiben?

Gérard Sidoun: Die Firma bedeutet mir sehr viel. Aber Lebenswerk? Nein, mein Lebenswerk ist mein Leben, das ich toll finde. Dass SIDOUN entstanden ist, sehe ich als ein schönes Nebenprodukt. Außerdem haben daran so viele Leute mitgewirkt, dass es sehr anmaßend von mir wäre, es nur mir zuzuschreiben. Ich wollte immer einen schönen Platz für mich und viele andere schaffen und tolle Kunden haben. Dass das so eingetroffen ist, darüber bin ich sehr glücklich. Die Menschen stehen für mich immer im Vordergrund. Ich habe immer noch Kunden aus der ersten Stunde. Das freut mich sehr. Das andere Ziel für mich war immer, die beste Software auf dem Markt zu kreieren. Es hat mich immer fasziniert, die modernste, flexibelste und beste Software zu schaffen.

Mit welcher Idee und welchem Motiv sind Sie ursprünglich in die Software-Branche gegangen?

Gérard Sidoun: Alles begann 1977 in einer Küche, als ich 24 Jahre alt war. Damals war mein einziges Ziel, leicht Geld zu verdienen. Ich habe einen Computer mit einem Display von 32 Zeichen bekommen, der wog 60 Kilogramm, sowie ein kleines Handbuch. Ein Freund sagte zu mir: “So, jetzt kannst du Software schreiben.” Also habe ich angefangen. Es gab keinen tieferen Hintergrund. Erst ein paar Jahre später, als die Firma von München nach Freiburg gezogen ist, da hatte ich schon eine Absicht: Da wollte ich ein schönes Leben mit tollen Leuten und einer tollen Firma, in der wir zusammen die beste Software kreieren. Da war die Idee schon gefestigt.

Was ist Ihnen bei der Nachfolge besonders wichtig?

Gérard Sidoun: Das Spannendste zur Zeit ist für mich nicht zu wissen, was passieren wird. Ich genieße es sehr, nicht mehr Geschäftsführer zu sein, sondern ein kleiner Mitarbeiter mit Vorgesetzten. Wirklich, diese Rolle mag ich gern. Wichtig ist mir aber, dass es ein schöner Platz bleibt, an dem Kunden die besten Produkte bekommen und dass wir weiterhin an der Spitze der Entwicklung stehen. Das werde ich mit dem gleichen Elan unterstützen wie bisher.

In wessen Hände legen Sie die Nachfolge? Wie geben Sie die Zügel aus der Hand und wie wird dies ablaufen?

Gérard Sidoun: Ich übergebe den Job als Geschäftsführer an Karoline Diegelmann. Meine Anteile an der Firma gehen an Karoline Diegelmann und Jai Ganesh Rajamani, den Leiter der Produktentwicklung. Die Übergabe wird beim Notar ablaufen. Es ist alles sehr entspannt, weil wir uns gut kennen, langjährige Weggefährten sind und alles schon lange vorbereitet wurde. Ich erwarte da kein großes Feuerwerk.

Was sind die USPs, die SIDOUN auch zukünftig weiter auszeichnen werden? Warum liegt dabei der Schwerpunkt auf Flexibilität und Leistung und was folgt daraus konkret an Features und Benefits für Ihre Anwender?

Gérard Sidoun: Die meisten anderen Software-Firmen unserer Branche wurden von Leuten aus der Baubranche gestartet. Ich dagegen kam aus der Mathematik. Ich hatte keine Ahnung, wie Kunden arbeiten. In den ersten Jahren habe ich daher Tage und Nächte bei Kunden verbracht, um zu verstehen, wie sie arbeiten. So habe ich gesehen, dass alle sehr unterschiedlich vorgehen. Da war für mich klar, dass Flexibilität sehr wichtig ist. Die Software muss für alle Kunden funktionieren. Das ist das oberste Gebot bei der Programmierung. Zweiter Punkt ist die Leistung. Die erfülle ich schon allein dadurch, dass ich den Anspruch an mich selbst habe, die beste Software zu entwickeln. Eine Software, die alles kann. So entstand ein sehr großes System. SIDOUN hat sicherlich die umfangreichste Bausoftware auf dem Markt.

Karoline Diegelmann: Ich komme aus der Architekturwelt. Seitdem ich vor 16 Jahren angefangen habe, bei SIDOUN zu arbeiten, habe ich gelernt, meine Sicht zu erweitern und genau darauf zu hören, was Kunden wirklich brauchen. Mein Anliegen ist es, diese Flexibilität weiterzuführen. Jeder hat es verdient, das, was er tagtäglich macht, auf die beste Art und Weise tun zu können. Der Servicegedanke für Kunden ist bei mir sehr ausgeprägt. Ich habe gesehen, dass Kunden auf kurzen Wegen schnell Unterstützung brauchen.

Gérard Sidoun: Unsere Software hat viele Funktionen. Die wichtigste ist die bidirektionale Einbindung von Microsoft Excel und Word. Es ist ein großer Vorteil für die Kunden, die unendliche Flexibilität von Excel mit der Datensicherheit unserer Software zu verbinden. So werden Übertragungsfehler vermieden, die entstehen, wenn man mit getrennten Systemen arbeitet. Das ist ein großer Vorteil von SIDOUN Globe, andere Firmen könnten diese Funktion nicht implementieren.

Welche Expansionspläne verfolgen Sie, z.B. hinsichtlich der Marktanteile?

Gérard Sidoun: Ich verfolge keine Ziele mehr. Aber ich war immer dafür, Weltmarktführer zu werden und Anteile, die wir in Deutschland vor 20 Jahren verloren haben, wieder zurückzugewinnen. Da sind wir auf einem guten Weg. Ende der 90er Jahre waren wir mit 33 Prozent Marktführer. Dann hab ich meinen größten geschäftlichen Fehler gemacht, indem ich ein gutes Produkt durch eines ersetzt habe, das noch nicht fertig war. So habe ich viele Kunden verloren.

Karoline Diegelmann: Das mit der globalen Marktführerschaft weiß ich noch nicht. Was ich aber sehr interessant finde, ist die Anteile in Deutschland zurückzugewinnen. Es haben auch anderen Kunden verdient, mit unserer Software zu arbeiten.

Welche strukturellen Änderungen stehen bei SIDOUN zukünftig an?

Karoline Diegelmann: Herr Sidoun hat sehr viele Jobs an sich gebunden. Alle Leiter werden nach der Übergabe wohl ihre Verantwortung mehr an sich nehmen müssen. Allein schon deswegen, weil ich zum Beispiel die Arbeit eines Programmierers als Architektin gar nicht machen könnte. Die Leiter sollen künftig mächtiger agieren.

Gérard Sidoun: Ich kann das bestätigen, ich bin ein Verantwortungs-Staubsauger. Wenn ich zurücktrete, kommen sicher mehr Leute in die Verantwortung, und das ist wirklich toll. Das freut mich.

Wie sollen künftig Qualität und Erweiterung der Services gestaltet werden?

Gérard Sidoun: Der Schwerpunkt meiner Begeisterung und der Grund für SIDOUN war immer das Programmieren. Ich habe Mathematik und Physik studiert, Programmieren ist mein Hobby, das mache ich, wann immer ich einen Rechner habe. Mein zweiter Schwerpunkt ist der Vertrieb. Ich finde den Kontakt mit Menschen faszinierend. Was mich weniger interessiert hat, war der Service. Ich habe es zwar gemacht, fand es aber weniger interessant. Frau Diegelmann sieht das anders und das freut mich sehr. Unsere Kunden verdienen mehr Unterstützung. Vielleicht wird die Produktentwicklung dadurch langsamer, aber das Customizing intensiver.

Wie kann hierzu Customizing als Beispiel angeführt werden? Was macht Sie in dieser Hinsicht zum Innovationsführer?

Karoline Diegelmann: Ich habe sehr viel Begeisterung für das Produkt und würde das gerne an unsere Kunden weitergeben. Wir haben ein Team im Service, das dies genauso vermittelt. Ich bin dort gestartet und mir ist es ein wichtiges Anliegen, dass sich unsere Kunden geliebt und gewertschätzt fühlen, dass sie Alleinstellungsmerkmale für sich kennenlernen und sie gut finden. Wir werden Kundenideen aufnehmen und umsetzen.

Wie können Sie dadurch Umsätze und Zufriedenheit steigern?

Karoline Diegelmann: Ich denke, das wird sehr große Auswirkungen haben. Im Moment liegen unsere Aktivumsätze überwiegend im Neukundengeschäft. Aber ich denke, wir können auch mit unseren Bestandskunden sehr wachsen. Im Moment kommen 50 Prozent des Umsatzes aus Serviceverträgen und auch das lässt sich noch steigern. Es wird sich herumsprechen, wie gut Produkt und Service sind.

Gérard Sidoun: Wir haben richtige Fans unter unseren Kunden, die die Firma und das Produkt lieben. Aber in Gesprächen merke ich dann doch immer wieder, dass sie das Produkt und viele Funktionen gar nicht richtig kennen, gerade im Bereich Customizing. Sie wissen gar nicht, dass diese Funktionen da sind und wir sollten der Fangemeinde zur stärkeren Nutzung verhelfen. Zum Customizing gehört natürlich auch Schulung. Beim Kauf wissen die Kunden noch viel über das Produkt, aber ein paar Monate später haben es die meisten schon wieder vergessen und benutzen nur noch die Standardfunktionen.

Wie sehen Sie die weitere Vision des Unternehmens SIDOUN? In welche Richtung soll es künftig stärker gehen? Welchen Kurs schlägt SIDOUN zukünftig ein?

Karoline Diegelmann: Der Firmenname bleibt natürlich bestehen, genauso wie die Vision des schönen Platzes. Ein Ort, an dem Menschen gerne sind und an dem jeder so sein kann, wie sie oder er sein möchte. Diesen Spirit sollen auch unsere Kunden spüren. Und dazu gehört übrigens auch, Innovationsführer zu sein. Wir machen das, worauf andere gar nicht erst kommen. Ein paar Überraschungen wird es auch noch geben.

Gérard Sidoun: Ich freue mich schon jetzt auf die neue Zeit und bin gespannt auf die Änderungen. Ein großer Dank, dass wir es bis hierher geschafft haben, gehört allen bisherigen und jetzigen Mitarbeitern, zum Beispiel Norbert Eiermann (dem Vater der WinAVA) und Herrn und Frau Bodamer, die die Firma in den 90er Jahren stark geprägt haben. Auch Frau Elender, die zwischenzeitlich als Geschäftsführerin viel umgestaltet hat und schließlich Frau Klaudia Morck, die immer noch Gesellschafterin ist.